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Die neue Fassung der Normenreihe EN / IEC 61643

Überspannungsschutz mit nochmals erhöhtem Sicherheitsniveau

18.09.2026

Im Bereich des Blitz- und Überspannungsschutzes wurde nicht nur die Anwendungs-Normenreihe DIN EN IEC 62305 (VDE 0185-305) überarbeitet. Auch die Produktnorm EN/IEC 61643 (VDE 0675) für Überspannungsschutzgeräte liegt seit kurzem in ­einer neuen Fassung vor.

Inhaltsverzeichnis und Quicklinks

Die neuen Teile der EN / IEC 61643‑1 und EN / IEC 61643‑11 legen erhöhte sicherheitsrelevante Anforderungen an Überspannungsschutzgeräte für AC-Niederspannungssysteme fest. Sie fokussieren auf ein robustes und vorherseh­bares Verhalten sowohl im Normalbetrieb als auch im Fehlerfall. Verschärfte Prüfungen zum Überlast‑ und Kurzschlussstromverhalten, präzisierte Vorgaben zu Luft- und Kriechstrecken sowie die Forderung nach doppelter respektive verstärkter Isolation gegenüber Hilfsstromkreisen tragen wesentlich zur Steigerung der Anlagen- und Personen­sicherheit bei.

Besondere Bedeutung kommt der erweiterten Betrachtung der Netzfolgestrom-Löschfähigkeit von funkenstreckenbasierten SPD des Typs 1 zu. Die Einführung von Prüfungen bei niedrigen Stoßstromamplituden stellt sicher, dass Überspannungsschutz­geräte selbst unter realitätsnahen und oftmals vorkommenden Bedingungen ein sicheres Betriebsverhalten zeigen. Damit wird die Praxisnähe der Norm deutlich erhöht.

 

Neuausrichtung auf weitere Anwendungsbereiche

Die Normen für Überspannungsschutzge­räte (Surge Protective Device, SPD) wurden sowohl auf der IEC- als auch der EN-Ebene überarbeitet. Eine Neustrukturierung bereitet sie auf weitere Anwendungsbereiche vor. Treiber der Weiterentwicklung sind unter anderem die Dezentralisierung der Energieversorgung, Umstellung auf erneuerbare Energien sowie die Speisung von Energieversorgungssystemen aus unterschiedlichen Energiequellen.

Bei der EN/IEC 61643-01 (VDE 0675-6-01) handelt es sich um die Basisproduktnorm für sämtliche Überspannungsschutzgeräte in Niederspannungssystemen. Sie definiert die generellen Anforderungen und Prüfungen im Hinblick auf Sicherheit und Leistungs­fähigkeit. Darunter fallen beispielsweise elektrische Anforderungen wie der Schutz vor elektrischem Schlag, die Ermittlung des Schutzpegels, Bestimmung des Ableitvermögens sowie Kontrolle des Alterungs-, Überlast- und Kurzschlussverhaltens von Überspannungsschutzgeräten. Darüber hinaus legt sie Anforderungen an Luft- und Kriechstrecken, die mechanische Festigkeit von Gehäuseteilen sowie die Prüfungen von Klemmstellen fest.

Spezifische Anforderungen und Prüfungen, die sich aus dem Applikationsbereich der Produkte ergeben, sind in den jeweiligen Unterteilen geregelt – etwa der EN/IEC 61643-11 für AC-Stromversorgungssysteme. Dazu zählen Überlasttests sowie Anforderungen an das Verhalten bei temporären Überspannungen im Fehlerfall in AC-Systemen. Diese Fehler erweisen sich als typisch für das Niederspannungsnetz und führen zu hohen Anforderungen an das sichere Verhalten von Überspannungsschutzgeräten.

Bei der Neuausrichtung der Standards lag der Fokus auf sicherheitsrelevanten Themen wie dem speziellen Überlast- und Kurzschlussverhalten von Überspannungsschutzgeräten. Zudem ist jetzt ebenfalls eine doppelte respektive verstärkte Isolation zu Fernmelde- und Hilfsstromkreisen gefordert, sofern sie an die Kleinspannung (Extra Low Voltage, ELV) angeschlossen werden.

 

Anforderungen an die Luft- und Kriechstrecken

  • Produktfamilie SPP (Safe Protection Plus)Bild 1: Die Produktfamilie »SPP« (Safe Protection Plus) bietet erhöhte Luft- und Kriechstrecken sowie einen erweiterten Berühr- und Untersteckschutz© Phoenix Contact

Die Luftstrecke stellt die kürzeste Entfernung durch die Luft zwischen zwei leitfähigen Teilen dar. Sie verhindert Überschläge bei Überspannungen und hängt ab von der Bemessungsstoßspannung, dem Verschmutzungsgrad und der Einbauhöhe.

Die Kriechstrecke ist der kürzeste Weg entlang einer Isolieroberfläche zwischen zwei leitfähigen Teilen. Sie wird bestimmt durch den Verschmutzungsgrad, die Mate­rialgruppe und die maximale Dauerspannung des Systems.

Überspannungsschutzgeräte (SPD) müssen mindestens für den Verschmutzungsgrad 2 ausgelegt sein. Das reicht für häusliche Umgebungen und den Einbau in geschlossene Schaltschränke aus. In Industrieanlagen, in denen nicht sichergestellt werden kann, dass Schaltschränke stets geschlossen sind, zeigen sich SPD mit dem Verschmutzungsgrad 3 als sicherere Wahl. Sie haben allerdings deutlich höhere Anforderungen an die Kriechstrecken.

Für die Luftstrecken gilt: SPD müssen mindestens für eine Einbauhöhe bis 2 000 m konzipiert sein. Größere Höhen erfordern längere Luftstrecken, da die Durchschlagsfestigkeit der Luft mit zunehmender Höhe abnimmt (Bild 1).

Schutz von Hilfsstromkreisen mit Sicherheits- oder SchutzkleinspannungenBild 2: Zum Schutz von Hilfsstromkreisen mit Sicherheits- oder Schutzkleinspannungen bietet sich die doppelte respektive verstärkte Isolation an© Phoenix Contact

Verstärkte oder doppelte Isolation gegenüber Netzspannungsteilen

Die neue EN / IEC 61643-01 verlangt für Fernmelde- und Hilfsstromkreise, die an Kleinspannungssysteme angebunden sind, eine doppelte oder verstärkte Isolation gegenüber Netzspannungsteilen. Die Norm verweist dabei auf die IEC 60364-4-41 »Schutz gegen elektrischen Schlag« (VDE 0100-410). Zu den Kleinspannungssystemen zählen die Sicherheitskleinspannung (Safety Extra Low Voltage, SELV) und die Schutzkleinspannung mit elektrisch sicherer Trennung (Protective Extra Low Voltage, PELV). Die Anforderung sorgt dafür, dass Gefährdungen durch Isolationsfehler im SPD ausgeschlossen werden, insbesondere wenn Hilfsstromkreise mit Sicherheits- oder Schutzkleinspannungen zum Einsatz kommen (Bild 2).

ÜberspannungsschutzgerätBild 3: Nur eine performante und schnelle interne Abtrennung schützt ein überlastetes Überspannungsschutzgerät zuverlässig bis zum Ende seiner Lebensdauer© Phoenix Contact

Verschärfte Prüfungen für das Kurzschlussstromverhalten

Um Gefährdungen durch defekte oder überlastete SPD zu vermeiden, schreibt die EN / IEC 61643-01 umfassende Prüfungen für das Kurzschlussstromverhalten von SPD vor. Diese Anforderungen wurden in der aktuellen Ausgabe verschärft, damit sich die Betriebssicherheit weiter erhöht. Hintergrund ist, dass SPD im Fehlerfall einen Kurzschlussstrom aus dem Netz ziehen können. Wird dieser nicht zuverlässig begrenzt, drohen Überhitzung, Brand oder sogar eine Explosion. Die Norm fordert deshalb Prüfungen zur Kurzschlussstromfestigkeit. Hier muss das SPD unter definierten Bedingungen belegen, dass es sicher ausfällt (Bild 3).

SPP (Safe Protection Plus)Bild 4: Die erhöhten Anforderungen an SPD des Typs 1 verlangen nach einer robusten Technologie wie der neuen getriggerten Multi-Carbon-Funkenstrecke © Phoenix Contact

Zuverlässige Löschung des Netzfolgestroms

Ein SPD des Typs 1 auf Funkenstreckenbasis ist in der Lage, Blitzströme von 100 kA und mehr sicher abzuleiten. Neben der Beherrschung der hohen Energie eines Blitzstroms muss das Gerät auch den entstehenden Netzfolgestrom verlässlich löschen (Netzfolgestrom-Löschfähigkeit). Der Netzfolgestrom stellt eine Art Kurzschlussstrom dar, der unmittelbar nach dem Ableitvorgang auftreten kann. Dieser sollte durch das SPD bestenfalls vollständig unterdrückt oder innerhalb weniger µs eigenständig gelöscht werden. Andernfalls kann es zum Auslösen des Überstromschutzes und somit zum Ausfall der elektrischen Anlage kommen.

Im Fall von Funkenstrecken, bei denen der Lichtbogen in ein Löschblechpaket überführt wird, hängt die Geschwindigkeit des Löschvorgangs stark von der Amplitude des eingekoppelten Blitzstroms ab. Während bei hohen Stoßstromamplituden eine schnelle und zuverlässige Lichtbogenlöschung erreicht wird, können niedrige Stoßstromwerte zu hohen Netzfolgeströmen führen. Nach der bisherigen Version der EN/IEC 61643 wurde die Netzfolgestrom-Löschfähigkeit von funkenstreckenbasierten SPD des Typs 1 ausschließlich bei der angegebenen maximalen Blitzstromamplitude (IIMP) nachgewiesen. Die neue EN / IEC 61643-01 definiert, dass die Netzfolgestrom-Löschfähigkeit von funkenstreckenbasierten Überspannungsschutzgeräten ebenso bei niedrigen Stoß­strom­amplituden nachgewiesen wird. Dies ist aus Anwendersicht besonders relevant, weil Ereignisse mit niedrigen Stoßstromamplituden in der Praxis häufiger vorkommen als solche mit hohen Amplituden (Bild 4).            

Quelle:

de – das elektrohandwerk

  • De - das Elektrohandwerk Logo

Autoren

  • Dipl.-Ing. (FH) Moris Krings, Senior Application Specialist,
  • Hannes Sagebiel, M.Sc., R&D Surge Protection;

beide Business Unit System Protection Technologies, Phoenix Contact GmbH & Co. KG, Blomberg